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Frau Brausel lernt Fahrrad fahren – Paradies-Sekunden-Momente

Frau Brausel Lernt Fahrrad Fahren – Paradies-Sekunden-Momente
Frau Brausel lernt Fahrrad fahren

Wir schreiben den 01.08.2017 und unsere Frau Brausel erlebt einen weiteren Paradies-Sekunden-Moment und erreicht den nächsten Meilenstein in ihrem jungen, fröhlichen und hoffentlich noch recht unbeschwerten Leben. Seit Wochen, ach was, eigentlich seit Monaten saust sie mit Laufrad, Roller und Co. durch die Gegend. Unten im Keller lagert mehr oder weniger unberührt und unbeachtet ihr eigenes, kleines Mädchen-Fahrrad inklusive der Stützräder samt sportlichem und zugleich stylischem Biene Maja Fahrrad-Helm inklusive LED-Beleuchtung auf der Rückseite.

Im letzten Holland Urlaub Ende Juni hat sie zumindest vermehrt angefangen, Kindern auf Rädern nachzuschauen… Auch kamen dort immer wieder mal Fragen auf wie zum Beispiel: „Ist das eigentlich schwer, ohne Stützräder zu fahren?“ „Wenn man bremsen will oder muss und nicht schnell genug bremsen kann und dann schlimm hinfällt… – Tut das sehr weh?“ „Ob ich hier auch mal so mit meinem Fahrrad her flitze wie dieser kleine Junge da hinten!?“ Oh – Aha! Ein Funke Interesse war geweckt und somit hat Papa Brausel Frau Brausel einen fantastischen Deal unterbreitet.

Frau Brausel lernt Fahrrad fahren bis zum nächsten Urlaub

Wir fahren im September/Oktober erneut in unser geliebtes Holland (der Urlaub war natürlich bereits gebucht und hatte nicht primär etwas mit den Radfahrkünsten zu tun – aber was Frau Brausel nicht weiß… macht sie nicht heiß) und dann nehmen wir Papas Fahrrad und auch dein Rad mit – du musst aber versprechen, dass du versuchst, deine Angst zu überwinden und vorab immer wieder mal übst, so dass die dusseligen Stützräder, welche eigentlich nur dazu dienen, den Kopf zu beruhigen und nebenbei eine Fehlhaltung der kleinen Radprofis zu verursachen, nicht mit nach Holland reisen, okay!? Nach kurzer Überlegung willigte Frau Brausel mit skeptischem Blick ein. Das Angebot nochmal in den Genuss von Strand, Muscheln und Meer zu kommen, war einfach zu verlockend, um es nur wegen der großen Angst vor diesem Meilenstein des Fahrradfahrens abzulehnen.

Auf geht’s zum Fahrradfahren ohne Stützräder

Zuhause angekommen hatte einen der Alltag so schnell wieder… Termine, Kindergarten, mieses Wetter… immer lag was an oder es war nicht möglich und dem kleinen Fahrrad im Keller wurde bis zum oben genannten Datum keine große Bedeutung beigemessen. Da man leider bei uns in der Straße nur „semi“ bis gar nicht gut Radfahren kann, sind wir in einer Regenpause des wettertechnisch unbeschreiblich fürchterlichen Sommer 2017 auf den Schulhof zwei Straßenzüge weiter gelaufen. Frau Brausel samt coolem Kopfschutz und aufgeregt für drei, ein übermüdeter und unmotivierter Herr Müppi, Papa samt des „Corpus Delicti“ ohne Stützrädchen auf dem Arm und Mama ausgestattet und bewaffnet mit Getränken, ein paar Gummibärchen zur Stärkung, einem Ball für Herrn Müppi und jeder Menge Mullkompressen, Verbandmaterial und Pflaster um die diversen, schmerzenden Wunden und Verletzungen von Frau Brausel fachmännisch zu versorgen.

Der erste Fahrtest ohne Stützräder

Frau Brausel nahm todesmutig schon eine Querstraße vor Ankunft unseres Trainingsgeländes Kurs auf ihr Rädchen. Sie hockte sich drauf und es war kaum mit anzusehen, wie wackelig, ängstlich und unsicher sie auf diesem Teil Platz nahm. Wir (mein Mann und ich) warfen uns entsetze, kurze Blicke zu und uns beiden war klar „Das gibt heute nix“ „Das lernt sie so schnell nicht“ „Komisch, sie ist so sicher was Laufrad und Co. anbelangt – sonst hat sie doch Gleichgewichtssinn“… Sie stieg total verängstigt und enttäuscht von dem Rad, welches Papa noch ungefähr 30 Meter einen kleinen Berg mit etwa 20 % Steigung raufbuckeln musste. Ihr kleines, reines Herzchen pochte und das nicht nur von der Anstrengung des Steigungsstückes. Sie hatte Angst – diese große Hürde, dieser enorme Stein auf ihrem Weg zum Erfolg – lag wie ein riesiger Ballast vor ihr, auf ihr, ach einfach überall.

Ankunft am eigentlichen Trainingsgelände – wird es klappen?

Sie holte tief Luft, stieg auf das Fahrrad und noch ehe Papa es am Gepäckträger zu greifen bekam, fuhr sie los. Ohne Stützräder, ohne diese schreckliche Angst, welche noch vor Sekunden geherrscht, ja, welche sie beherrscht hatte. Sie saß stolz wie Bolle auf ihrem kleinen mit Blumen-Dekor versehen Fahrrad und fuhr, als hätte sie ihr Leben lang noch nichts anderes gemacht. Die Angst war wie verflogen – sie hatte es tatsächlich geschafft, die Blockade aus ihrem Kopf zu löschen. Völlig befreit radelte sie über den Schulhof und mit jedem zurückgelegten Meter wurde sie selbstbewusster, selbstsicherer, fröhlicher… „Ich kann‘s – Boaaa – ich bin gefahren ohne das (Blick zu den imaginären Stützrädern) und es ist weitergefahren und ich bin nicht umgekippt – nochmal!“

Mama – das war ein Geschenk für mich – ich hatte so eine Angst

Mama – das war ein Geschenk für mich – ich hatte so eine Angst, aber das ist einfach prima – gerade!“ Singend fährt sie auf und ab – Papa und Mama trauen ihren Augen nicht und platzen fast vor Stolz auf dieses wunderbare Mädchen. Ja, Frau Brausel ist schon fünf Jahre alt und andere können bereits mit drei Jahren perfekt radeln… aber für unser Kind war es eben jetzt der richtige Zeitpunkt. Ohne großartigen Druck und Übereifer durch uns Eltern – lediglich vielleicht ein wenig der von Papa unterbreitete Holland-Deal. So versetzen eben Strand, Muscheln und Meer wahre Berge. Was muss das für ein erhabenes Gefühl sein, wenn man solch einen Erfolg verbucht, die Angst ausblendet und sich einfach überwindet und mutig losfährt!?

Entscheidende Dinge sind erforderlich

Es sind mehrere entscheidende Dinge erforderlich – man muss an sich selber glauben, sich etwas zutrauen und es einfach versuchen. Man darf zweifeln, Angst und Respekt vor neuen Dingen haben – aber man muss den Moment abpassen, und diese Zweifel und Ängste ablegen und zu Mut, Vertrauen und Optimismus werden lassen. Zudem tut es jedem gut, egal ob jung oder alt, wenn man liebe Leute um einen herum hat, die einen ermutigen, bestätigen, loben, fördern und fordern, oder auch mal kritisch hinterfragen, ehrlich zu einem sind, einen aufbauen und egal was passiert zu einem halten und hinter einem stehen.

Hätte es an diesem besagten Tag nicht geklappt, hätten wir sie natürlich genauso und bedingungslos lieb – wir hätten ihren Frust über ihr vermeintliches „Versagen“ getragen, abgefangen und kompensiert – wäre sie schrecklich gestürzt (die gesamten Mullkompressen und Co. kamen ja Gott sei Dank nicht zum Einsatz), hätten wir ihre Wunden versorgt und sie bestärkt, es an einem anderen Tag erneut zu versuchen, auf sich zu vertrauen, den Mut nicht zu verlieren– wir hätten versucht, ihre Angst zu nehmen oder zumindest zu minimieren.

Keinen Druck oder gar Zeitdruck auf die Kinder ausüben

Wichtig ist auch, dass man den Kindern keinen „Druck oder gar Zeitdruck“ auferlegt. Druck erzeugt oftmals nur Gegendruck. Jedes Kind ist anders. Ich hasse diese ätzenden und unnötigen Vergleiche mit anderen Mamis und deren Wunder-Kindern. Es gibt ein wundervolles Sprichwort „Ein Kind ist wie ein Schmetterling im Wind: Manche fliegen höher als andere, aber jedes fliegt, so gut es kann. Warum sollte man eins mit dem anderen vergleichen? Jedes ist anders. Jedes ist wunderbar.“ (Autor unbekannt)

Und an dieses sollten wir uns vielleicht erinnern und halten, wenn wir dazu neigen, zu hohe Erwartungen an unsere Kinder zu haben oder vorschnell über andere urteilen möchten… Ich kann es gar nicht oft genug formulieren und an Euch alle da draußen appellieren – Liebt, lobt und unterstützt Eure Kinder – fördert und fordert sie sanft – ohne Druck und Drang – schenkt ihnen Selbstvertrauen, macht sie mutig und selbstsicher, steigert ihr Selbstwertgefühl und seid auch bei „Niederlagen“ für sie da – baut sie auf, tragt sie, stärkt sie, tröstet sie – gerade wenn‘s mal nicht so optimal läuft, brauchen sie uns Eltern am meisten.

Feiert diese Meilensteine und kostbaren Paradies-Sekunden-Momente

Feiert diese Meilensteine, freut Euch über jede dieser wundervollen und kostbaren Paradies-Sekunden-Momente – Alles hat seine Zeit und dementsprechend endet auch diese Ära irgendwann – und das Schlimme – man weiß nicht wann… Irgendwann ist es das letzte Mal, dass sie zum Kuscheln ins große Elternbett kommen, irgendwann ist es das letzte Mal, dass sie Hilfe benötigen beim Schuhe anziehen, irgendwann ist es das letzte Mal, dass sie eine sichere Hand brauchen, wenn sie die Rutsche überwinden, irgendwann ist es das letzte Mal, dass sie sich wünschen, dass man ihnen zur Nacht noch etwas vorliest… und in dem Moment, wenn es das letzte Mal ist, weiß man es nicht – denn alles hat seine Zeit!

Wenn man die Situation akut durchlebt, denkt man viel zu selten darüber nach, dass all das begrenzt ist. Oft erwischt man sich, dass man genervt ist, wenn man schon wieder helfen soll, man wünscht sich sein Bett für sich alleine… Ganz ehrlich, dass alles kommt vermutlich schneller wieder auf einen zu, als einem lieb ist. Irgendwann ist da der Tag, an dem keiner mehr kuscheln mag, keiner mehr Mama oder Papa um Hilfe ruft. Irgendwann wünscht man sich diese wunderschöne Zeit zurück – aber sie kommt nie nie wieder! Darum genießen – jeden einzelnen Augenblick. Das sind die Dinge, an die man im Alter dann hoffentlich mit Freude und vielleicht einer kleinen Träne im Äuglein zurückdenkt.

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